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Sonderveröffentlichung

DAS ist meine Börde
4 Fragen an Steffi Trittel

21.06.2019
Steffi Trittel. Foto: Hendrik Reppin
Steffi Trittel. Foto: Hendrik Reppin

Bürgermeisterin der Verwaltungsgemeinschaft Hohe Börde
            

1. Im Herbst dieses Jahres blicken wir auf 30 Jahre friedliche Revolution zurück. Wie hat sich das Leben für Sie dadurch persönlich verändert?

Vom Wechsel der Diktatur in eine Demokratie waren alle Ostdeutschen betroffen und mussten schnell lernen, sich in dem neuen System zurechtzufinden.

Am Anfang stand die Frage der Eigentumsfindung in allen Branchen. Nachdem ich als Hauptbuchhalterin einer Genossenschaft die gesetzliche Aufteilung des Vermögens errechnet hatte, wurde ich angefragt, ob ich als Leiterin der neu zu gründenden Verwaltungsgemeinschaft Nördliche Börde tätig werden möchte. So bin ich dort 1992 Hauptverwaltungsbeamte geworden und führe diese später zur Hohen Börde fusionierte Gemeinde, die für mich die schönste Gemeinde in ganz Deutschland ist. Dabei gab es viele Veränderungen, für die ich die Verantwortung übernommen habe.

Die Wahlprogramme der Parteien und Wählergruppen zur Gemeinde- und Ortschaftsratswahl zeigen die neuen Zukunftsziele. Was davon finanziell zu stemmen ist, hängt von Finanzierungsmöglichkeiten ab. Finanzierungsmöglichkeiten hängen von Förderchancen ab, die wiederum nicht allein in der Verantwortung der Kommune liegen.

In Gesprächen erfahre ich, dass den Versprechen und Absichten der Politik von Bürgern immer weniger vertraut wird. Wir in der Gemeinde, im Rat wie in der Verwaltung, müssen transparenter werden und die Entscheidungen geduldig kommunizieren.

2. Welche wesentlichen Veränderungen gingen und gehen damit noch immer für die Stadt/Gemeinde und Ihre Ortsteile einher?

Mit der Grenzöffnung hätte man sich erhoff t, dass vieles gerechter wird. Nun wirkten in den Gemeinden die Gesetze der Bundesrepublik. Noch heute ist das Kommunalabgabengesetz mit viel Kritik verbunden und spaltet die Freude an den neu geschaffenen Infrastrukturmaßnahmen.

Mit einer neuen Straße kommt der Bescheid für Abwasser und Straßenbau. Dann für Niederschlagswasser und Unterhaltungsbeiträge und vieles andere mehr. In dreißig Jahren haben wir drei kommunale Reformen in den Gemeinden erlebt, und es geht uns als Gemeinde trotzdem nicht schlecht. Doch was erwartet uns in Zukunft an Reformideen?

In jedem Ortsteil gibt es eine Feuerwehr, einen Kindergarten und von der Gemeinde finanzierte öffentlich genutzte Gemeindehäuser. Die Betriebskosten der Sportanlagen werden von der Gemeinde übernommen. Das ist nur ein Auszug der gemeindlichen Leistungen.

3. Wie wichtig ist für die Gestaltung der Zukunft in den Städten und Dörfern, auch auf die Historie zu schauen und damit auch Traditionen zu bewahren?

An dieser Stelle ist es nicht möglich, die Vielfalt der Themen anzusprechen, doch seit meiner Tätigkeit in der Gemeinde war mir der Schutz des Grunds und Bodens immer besonders wichtig. Unsere Gemeinde verfügt über die besten Böden in ganz Deutschland und über leistungsstarke landwirtschaftliche Betriebe. Deponiepläne in den 1990er Jahren, Planungen für einen weiteren Steinbruch sowie der geplante Erdausbau der gigantischen Gleichstrom-Trasse Süd-Ost-Link gehören nicht in unsere historische Kulturlandschaft und dank der vehementen Einsprüche der Gemeinderäte konnten hier andere Wege gefunden werden.

4. Welche Traditionen, ob persönlich oder für die Gemeinde, sind Ihnen besonders wichtig?

Die Entwicklung der historischen Bausubstanz und die Geschichte unserer Dörfer sind immer mit Menschen verbunden, die zu Ihrer Zeit die Region nach vorn gebracht haben.

Menschen machen Geschichte, und unsere Aufgabe ist es, uns für die Zukunft aufzustellen. Wer sich nicht mit der Zukunft beschäftigt, wird nicht daran teilnehmen können.

Im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung ergibt sich eine Menge von Aufgaben. Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Qualifizierung der Beteiligten in und außerhalb des Rathauses. Ihre digitalen Fähigkeiten entscheiden mit über den Erfolg oder Misserfolg der gemeindlichen Entwicklung. Auch wenn ich selbst an meine eigenen Grenzen komme, werde ich noch viel lernen müssen.

Außerdem haben wir in den vergangenen Jahren eine neue Tradition etabliert, nämlich jene, sich immer an die Spitze der Bewegung zu stellen, durch innovative Ideen zukunftsfähige Projekte zu entwickeln und umzusetzen. Das hat uns so manchen „Fördertopf-Deckel“ geöffnet. Jüngstes Beispiel ist das Familien-Schwimmbad Niederndodeleben.

„Heimat ist dort, wo die Erinnerung Bescheid weiß“

Jörg Musahl aus Wellen berichtet über die Sommerabende seiner Jugend in seinem Heimatort

An der Pumpe neben dem großen Walnussbaum traf sich die Dorfjugend. Foto: privat
An der Pumpe neben dem großen Walnussbaum traf sich die Dorfjugend. Foto: privat
Von Jörg Musahl  

Wellen - Ein unerwarteter Besuch im Sommer 2018 aus Ravensburg inspirierte Jörg Musahl zu folgender Memorabilie:

An einem sehr heißen Sommertag des erwähnten Jahres stand überraschend Norbert Sebastian (für alle Nobi) vor meiner Tür. Wir hatten uns fast 30 Jahre nicht mehr gesehen. Bei einem dreistündigen „weißt du noch“ war die Zeit wie im Fluge vergangen. Nach unserer Verabschiedung, durchaus etwas aufgekratzt, ließ ich die Sommerabende der Jahre 1971/72 noch einmal Revue passieren.

An besagten Abenden traf sich ein Großteil der Wellener Jugend an der Pumpe neben dem großen Walnussbaum. Zumindest einer der Anwesenden hatte ein Transistorradio dabei. Aus diesem beschallte uns allabendlich der Deutsche Soldatensender auf 935 KHZ und einmal wöchentlich das Schlagerderby mit Karl Ludwig Wolf auf Deutschlandfunk.
              
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Ein willkommener Zeitvertreib war auch das Federballspiel, wenn Lisbeth Pajontzeck die Zeit dafür gekommen sah, schloss sie in Windeseile vorsorglich ihre Fensterläden. Der Grund, sie fürchtete um die Fensterscheiben ihres Hauses (siehe Foto) durch einen hart geschmetterten Federball.

Natürlich bot unser Treff auch die Gelegenheit, dass sich hier und da kleine Liebschaften anbandelten.

Nun aber zurück zu Nobi, dieser war ein sehr musikalischer Typ. Zu seinem Repertoire gehörten unter anderem die mehr als gelungenen Interpretationen von Donovans Ballade – Atlantis, einige Songs mit Robin Gibb und nicht zu vergessen seine Stones. Mein „Musikwunsch“ war einige Male Manfred Manns Hit aus den 1960er Jahren „Fox on the Run“. Daraufh in tippte Nobi mit dem rechten Fuß dreimal auf, um den Takt vorzugeben, dann legte er los: „She walked through the corn leading down to the River…“, immer nah am Original.

Doch wie die Sendungen des Soldatensenders überraschend ab dem 1. Juli 1972 nicht mehr auffindbar waren, so verloren sich auch nach und nach unsere schönen Sommermeetings.

Ein Zitat von Uwe Johnson halte ich zum Schluss für sehr passend: „Heimat ist dort, wo die Erinnerung Bescheid weiß“.
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